RassistInnen? Gibt es keine!

[TALK YOUR WALK]
[Gruppenzugehörigkeit]
[Migration]
[Integration]
[Rassismus]

Wenn der Tschusch sich schleichen soll, wenn der Neger, der Drogendealer, der Asylant an die Wand gestellt gehört, wenn der nächste „Einzelfall“ und die nächste „Jugendtorheit“ bekannt wird, wenn „Moslem-Mama-Mikl“ an den Pranger gestellt wird, dann diskutieren wir einmal mehr über wachsenden Rassismus in der Gesellschaft. Über „wehret den Anfängen“.

Eine Antwort, die uns weiterbringt, ist bislang anscheinend nicht herausgekommen. Ich versuch es mal mit der folgenden Behauptung:

Kein Mensch ist RassistIn. Menschen suchen Zugehörigkeit zu einer Gruppe.

Sie kennen das:
„Ente“-BesitzerInnen oder MotorradfahrerInnen grüßen einander im Vorüberfahren, ein grün-weißer Schal macht einen sympathisch, ein Vollbart lässt Menschen aggressiv reagieren, je dünkler die Hautfarbe, desto weniger Sitzplatz in der U-Bahn.

Die Psychologie dazu:

  • Menschen organisieren sich in Gruppen
  • Menschen schaffen Stereotype – ihre Wahrnehmung orientiert sich an Mustern und Assoziationen
  • Wenn wir andere Menschen sehen, klassifizieren wir sie automatisch – ganz ohne bewusste Gedanken.

Selbst in experimentellen Situationen, in denen die ProbandInnen ganz bewusst ohne auffällige Kennzeichen zusammengestellt sind, teilen sie einander in Gruppen ein. In ein „Wir“ und „die Anderen“. Selbst willkürliche Gruppenkennzeichnung (Gruppe A und Gruppe B) werden emotional aufgeladen.

In einem Satz: Menschen interessieren sich für Gruppenzugehörigkeiten.

Ist das jetzt besser? Macht es einen Unterschied, aus welchem Grund jemand den syrischen Asylwerber, die somalische Diplomatin oder den US-Musiker im Supermarkt anrempelt? Ja. Macht einen Unterschied.

Menschen interessieren sich prinzipiell nicht für „Rassenfragen“.
Die Charakteristika, nach denen wir „uns“ von „denen“ unterscheiden, sind unspezifisch und veränderbar.

Warum das wichtig ist: Derartige Gruppenmerkmale orientieren sich nicht an objektiv wichtigen Aspekten. Sie orientieren sich am salientesten Merkmal, d.h. an jenem Kriterium, das gerade am lautesten schreit, am stärksten blinkt, in den Nachrichten am häufigsten vorkommt. Die Zugehörigkeit zu einer Gruppe ist wichtiger als faktische Genauigkeit.

Gruppenmerkmale sind willkürlich. Sie sind beeinflussbar und veränderbar.

Liberale, weltoffene Menschen setzen in der Regel darauf, dass Hautfarbe, Muttersprache oder Geburtsland keine Rolle spielen dürfen. Dass wir Menschen „unabhängig von…“ wertschätzen müssten. In den USA gab und gibt es die Bemühungen um eine neue, positive „black identity“.

Der Haken daran: Diese Zugänge verweisen auf Attribute, die unveränderlich sind. Mit der Betonung der dunklen Hautfarbe machen wir willkürlich gewählte Merkmal salient, die nicht veränderbar sind. Will heißen, wir schaffen Gruppen, aus denen die hineinsortierten Menschen niemals ausbrechen werden können. Dunkle Haut bleibt dunkle Haut, außer bei Michael Jackson. Wir betonieren Menschen in ihrer schlechten Position hoffnungslos ein.

Drehen wir die Debatte um Gruppenzugehörigkeiten. Machen wir andere Kriterien wichtig: Kleidung, Haarfarbe, Alter, Haarlänge, Lieblingsfilm, Urlaubsziel sind Merkmale, nach denen wir die uns umgebenden Menschen einteilen können. Es sind veränderliche Merkmale und geben damit Betroffenen die Chance, die Gruppe zu wechseln. Machen wir Herkunftsland und Hautfarbe weniger wichtig.

Und das reicht jetzt? Keineswegs. Gleichzeitig brauchen wir neue Erzählungen zu verschiedenen Aspekten des Themas Migration/Integration/Flucht/Vertreibung:

Flucht ist keine Katastrophe!

Politik und Medien sind von Naturkatastrophen dominiert: „Flüchtlingsstrom“, „-welle“. Die Kognitionswissenschafterin Elisabeth Wehling dazu:
Flüchtlinge werden als Wassermassen dargestellt, sie werden entmenschlicht: Ihre Hoffnungen und Ängste spielen keine Rolle mehr. Es geht um Wasser als Naturgewalt, um reißende Flüsse, die auf Land treffen. Die Ursache des Flüchtlingsstroms wird dabei völlig ausgeblendet. Außerdem schwingt ein moralisches Szenario mit: Die Flut stellt eine Bedrohung dar. Und die vermeintliche Lösung liegt darin, Dämme zu bauen, die Flut sozusagen zurückzuhalten.“

Auf der Flucht – oder Heimatvertrieben?

Ich rede lieber über Heimatvertriebene. Wer vertrieben wird, ist zum Gehen gezwungen. Wer flüchtet, ist sprachlich gesehen aktiv, hat also eine Wahl. Außerdem tun sich konservative PolitikerInnen sehr schwer, gegen Heimatvertriebene aufzutreten. Zu sehr schwingt da die „Vertreibung“ Deutschsprachiger (Sudetendeutscher) nach dem 2. Weltkrieg mit.

Zum Abschluss noch die Warnung vor zwei Fallen:

The Worthiness-Trap

Menschenrechtsorganisationen argumentieren oft, dass AsylwerberInnen „wert“ sind, von uns unterstützt zu werden. Dass sie Hilfe verdienen, weil sie ohne eigenes Verschulden in ihre missliche Lage geraten sind.

Das FrameWorks Institute rät von dieser Linie dringend ab. Weil es den Wert einer einzelnen Gruppe in den Vordergrund stellt. Vielleicht sogar dazu führt, dass die eingesessene Bevölkerung als „unwert“ gesehen werden kann. Und FrameWorks empfiehlt offenere, breitere Werte zu betonen: Menschlichkeit, Glück und Wohlstand teilen.

The All Trees, No Forest Trap.

Einzeldaten sind wichtige Mittel in der Analyse gesellschaftlicher Zustände. Aber sie machen es dem Publikum und den EntscheidungsträgerInnen oft schwer „mitzusingen“: Wenn die Bedeutung dieser Detailfakten nicht in unserem Framing mitgeliefert wird, machen sich alle ihren eigenen Reim darauf – und sie beginnen jenes Faktum und diese Gruppe von Betroffenen mit anderen zu vergleichen und sich bei der Interpretation auf ihre eigenen Stereotypen zu verlassen.

Gegenstrategie: Interpretation der Daten in einem Sinn der auf größere Zusammenhänge der Ungleichheit hinweist: Zerrissene Familien, ungleiche Ressourcenverteilung, Wohnen, Gesundheitssystem. Die Idee dahinter: „help people understand that racial inequality is an interconnected ecosystem, not a random collection of discrete disparities.

Warning: count(): Parameter must be an array or an object that implements Countable in /home/.sites/438/site4125578/web/wp-includes/class-wp-comment-query.php on line 405

Ein Gedanke zu „RassistInnen? Gibt es keine!

  1. Axel,
    Am liebsten würde ich deine Texte verbreiten…also in meiner Arbeit (NMS) aushängen, mit den SchülerInnen lesen, in die Grüne Zeitung Esternberg schreiben…
    Darf ich das?
    LG Elke

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *