Die Grünen Spitzenkandidatinnen – 12 Minuten Unklarheit

[Positionen]
[Werte]
[Grüne]

Hmmm, liebe Grüne,
ich bin ratlos.

Ich schätze Ulrike Lunacek seit vielen Jahren sehr, ich schätze das wenige, das ich bislang von Ingrid Felipe gesehen habe.
Aber: ich weiß nicht, warum ich den Grünen bei den kommenden Wahlen meine Stimme geben soll.
Wie so oft bei den Grünen verwirrt mich die Kommunikation:

Mir gefällt Felipes stilistische Ansage.
Das Hoch auf ein „sowohl als auch“ als „etwas, was wir in unserer Gesellschaft wieder gelten lassen sollten“.
Als Überschrift unterstütze ich diese Aussage. Aber bekomme ich dazu noch Details? Bedeutet das, dass die Grünen in Zukunft offener werden? Gesetzesvorschläge mit Wahlmöglichkeiten einbringen? Was würde das für das Rauchverbot in der Gastronomie bedeuten? Für den Ausbau des Öffentlichen Verkehrsnetzes?
Oder war es doch nur eine Pointe ohne weiteren Sinn? Dann wäre ich enttäuscht.
Eva Glawischnig ist jedenfalls nicht „sowohl als auch“, sie ist nur mehr „als auch“.

Welche Inhalte habe ich heute bei der Pressekonferenz hören können?
Okay, die neue Bundessprecherin will die Vernetzung innerhalb der Grünen fördern. Das ist gut, weil bislang nicht gut. Aber deswegen wähle ich die Grünen nicht.

Sie will die Vielfalt unserer breiten Bewegung zeigen, die Buntheit zeigen, wo sich alles in einen rechtsdriftenden Einheitsbrei vermischt. Menschlichkeit, Solidarität, Rechtsstaatlichkeit. Sorry, aber das weiß ich alles. Ist es zuviel verlangt, wenn ich mir bei der Präsentation zweier dermaßen wichtiger Figuren Überraschungen wünsche?

Ulrike Lunacek freut sich auf einen „spannenden Wahlkampf, wo es um Vieles geht.“
Fein, aber warum geht es dann – wie zuvor schon bei Ingrid Felipe – vor allem um eines?
„Nur die Grünen garantieren, dass es mit uns keine FPÖ in der Regierung gibt.“
Andere wichtige Inhalte – ein soziales Europa, ein ökologisches Europa, Menschenrechte, Demokratie,… – handelt Lunacek in wenigen Sekunden ab.

Na was glaubst du denn? Konkrete programmatische Ansagen gleich bei der Antritts-Pressekonferenz? Das geht doch gar nicht!
So höre ich schon die Kritik an meinem Lamento.
Und es wäre beruhigend für mich, könnte ich diese Kritik teilen.
Ich wäre auch zufrieden gewesen, genau das bei der PK zu erfahren: Sorry, heute keinen Inhalt. Heute nur die Wiederholung bekannter grüner Werte.

Aber es war ja eben nicht so. Es war genug Zeit für ausführliche Distanzierungen von der FPÖ.
Ist das wirklich das Wichtigste an Grüner Politik?

Fürsorgliches Reden über den Terror – ein Widerspruch?

[Terror]
[Werte]
[Fürsorglichkeit]

Wie reden wir eigentlich über den Mordanschlag vom 19. 12. 2016? Über das, was am Berliner Breitscheidplatz geschehen ist? Nennen wir es „Terror“? „Islamistischer Terror“? „Terroranschlag“?

Strenge, konservative PolitikerInnen tun sich jetzt leicht. Sie sehen unsere „christlichen Werte“ bedroht, ohne diese genauer beim Namen zu nennen.

Strenge, konservative PolitikerInnen tun sich jetzt leicht. Sie rufen nach „Härte“, nach „Maßnahmen“, die „endlich“ zu erfolgen hätten.

Für fürsorgliche Menschen, die optimistisch eine lebenswerte Zukunft gestalten wollen, ist in diesen Tagen der deutsche Bundespräsidenten Joachim Gauck ein Vorbild. Er hat aufgerufen, die Gewaltattacke mit „Hilfsbereitschaft, menschlicher Nähe, Fürsorge und Dasein für Andere“ zu beantworten.

Ist das Gutmenschentum? Muss ich den Attentäter auch noch streicheln und ihm Kekse backen? Keineswegs. Wir reden hier (mit höchster Wahrscheinlichkeit) von geplantem Massenmord. Mit Stand heute sind 13 Menschen tot. Es ist klar, dass es Aufgabe der Polizei ist, den oder die TäterInnen zu finden und an die Justizbehörden zu übergeben.

Wir können die Tat verurteilen.
Und trotzdem unsere fürsorglichen, optimistischen Werte leben.

Noch einmal Präsident Joachim Gauck: „Der Anschlag auf unschuldige Menschen gilt als ein Anschlag auf unsere Art zu Leben.“

Ich höre das als Aufforderung: Was ist „unsere Art zu leben“? Was sind die „Werte“, die es zu verteidigen gibt? Für mich steht unbeeindruckt vom Terror Empathie im Mittelpunkt. Ich werde auch weiterhin offen auf jeden Menschen zugehen, der mir begegnet. Ich werden weiterhin optimistisch in die Zukunft schauen. Ich werde meinen Kindern jeden Tag sagen, dass ich sie liebe und dass die Welt ein sicherer Ort ist, an dem sie sich entfalten können.

„Hilfsbereitschaft, menschliche Nähe, Fürsorge und Dasein für Andere“
Danke, Herr Gauck!